Presse

Nicht mit allem einverstanden

Tageblatt

Freitag, 18. November 2016 * Nr. 270

Nicht mit allem einverstanden

TREFFPUNKT ADHS Gesundheitsministerin Lydia Mutsch wehrt sich gegen Kritik.

Dany Schengen

Kürzlich kritisierte die Vereinigung Treffpunkt ADHS die unzureichende Ausbildung von Jugendpsychiatern in in der Behandlung der Aufmerksamkeits- und Defizitstörung in Luxemburg. Gesundheitsministerin Lydia Mutsch reagiert auf die Kritik und gibt in manchen Bereichen Nachholbedarf zu.

LUXEMBURG Im Zusammenhang mit der sogenannten „Awareness Week“ zur Sensibilisierung für die Aufmerksamkeits-defizitstörung, kurz AD(H)S, im Oktober veröffentlichte der Europäische Dachverband der Vereinigung auf diesem Gebiet eine gemeinsame Stellungnahme, worin hauptsächlich eine bessere Betreuung der AD(H)S-Patienten in der sogenannten Transitionsphase gefordert wird, als wenn aus den Teenager im Alter von 18 Jahren Erwachsene werden. Denn „meist werden die Jugendlichen mit ADHS-Symptomatik dann in Erwachseneneinrichtungen geschickt (…), wo Psychiater, Neurologen und Psychologen nicht über entsprechende Ausbildung für ADHS im Erwachsenenalter verfügen“, bemängelt in seiner Deklaration das „ADHD Europe“. Dieser Kritik schloss sich die Vereinigung Treffpunkt ADHS an.

Die Vertreter aus Luxemburg gingen sogar noch einen Schritt weiter und kritisierten gegenüber dem Tageblatt (siehe Ausgabe vom 14. November), dass die „Erwachsenenpsychiater oder –neurologen nicht an der Diagnose interessiert sind. Oft kennen sie AD(H)S gar nicht oder nicht genug, um es zu diagnostizieren und zu behandeln. Dazu gehört einfach viel Erfahrung.

Genaue Diagnose

„Ich teile diese Meinung nicht, wonach die Psychologen im Land nicht gut genug ausgebildet sind, um Kinder und Jugendliche mit ADHS adäquat zu betreuen“, entgegnet Gesundheitsministerin Lydia Mutsch gegenüber dem Tageblatt auf Nachfrage. Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung, mit oder ohne Hyperaktivität, gehöre laut der Internationalen Klassifizierung von Erkrankungen (ICD) zu den sogenannten F-Diagnosen, also den Verhaltens- und Emotionalstörungen mit Beginn in der Kindheit und der Jugend.

Die Politikerin betont, dass ohne das Auftreten von Symptomen in diesem Zeitraum eine Diagnose bei Erwachsenen nicht gestellt werde. Außerdem umfasse diese neben einer körperlichen Untersuchung eine psychologische oder auch klinische Bewertung. Wie die Diagnostik erfordere auch die Betreuung ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren (Medikamente, Schule, Familie). In diesem Zusammenhang unterstreicht Mutsch, dass es „enorm wichtig ist, eine frühe und genaue Diagnose zu stellen, die eine fachübergreifende Betreuung der Kinder vorsieht“.

Die LSAP-Politikerin spricht außerdem von mehreren Reformen im Bildungsbereich, um Kinder und Jugendliche „differenzierter“ betreuen zu können. Sie weist auf die verschiedenen Dienste hin, die in diesem Zusammenhang agieren, u.a. auf die Gesundheitsdirektion, die Fachleute im Bildungswesen wie die „Equipe multi-professionelle“ (EMP) und den SCAP („Service de consultation et d’aide psychomotrice).

Ministerin Mutsch betont gleichzeitig, dass man die interdisziplinäre Zusammenarbeit rund um Kinder und Jugendliche künftig „noch verstärken muss“. Betroffene junge Erwachsene, sagte sie, könnten außerdem Behandlungen bei der Gesundheitskasse oder dem „Office national de l’enfance“ (ONE) anfragen. Hier sei noch Weiterbildungs- und Sensibilisierungsarbeit zu leisten, so Mutsch.

Medikamente

Treffpunkt ADHS kritisierte, dass in Luxemburg nur vier Präparate für Kinder und Jugendliche von der Gesundheitskasse übernommen würden. Zwei andere Medikamente müssten die Eltern selbst zahlen. Außerdem würden die Kosten nur bis zum 18. Lebensjahr übernommen werden. Im Ausland sei die Auswahl an Arzneien grösser, so dass eine fallspezifische Medikamente möglich sei. Die Ministerin rät davon ab, bei AD(H)S nur auf Arzneien zu setzen. Wichtig sei eine Verhaltenstherapie, um so den Umgang mit den Symptomen zu lernen. Außerdem würde die Gesundheitskasse die Kosten nach vollendetem 18. Lebensjahr übernehmen, vorausgesetzt AD(H)S wurde im Kindesalter diagnostiziert.

Betroffenenzahlen

Laut „Treffpunkt ADHS“ sei die Dunkelziffer der Betroffenen extrem hoch. Die Vertreter sprachen von rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Luxemburg.

„Es ist nicht alles ADHS, was danach aussieht“, unterstrich Lydia Mutsch. Da verschiedene medizinische Diagnosen zu einer abschließenden Feststellung von ADHS einfließen würden, müsse diese breit gefächerte Auswertung von einem entsprechend ausgebildeten Arzt durchgeführt werden, so die Behörde, und weiter: „Daher scheint uns die von Ihnen genannte Zahl etwas zu hoch gegriffen, auch wenn wir keine präzisen Statistiken über Betroffenenzahlen haben.“