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Wenn aus „Zappelphilipp“ ein Erwachsener wird

THEMA GESUNDHEIT

Montag, 14. November 2016 * Nr. 266

Wenn aus „Zappelphilipp“ ein Erwachsener wird

ADHS Besondere Hilfe für die Übergangsphase gefordert

Daisy Schengen

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz AD(H)S – mit oder ohne Hyperaktivität-, wird meistens im Kindesalter diagnostiziert. Eine Behandlung läuft anschließend an, doch die größeren Probleme beginnen dann, wenn aus dem AD(H)S-Kind oder- Teenager ein Erwachsener wird. Deutliche Verbesserungen in Sachen Therapie- und Medikamentenangebot sowie in der Ausbildung der behandelnden Psychiater und Neurologen fordert die Vereinigung „Treffpunkt ADHS“, die sich für die Belange der Betroffenen in Luxemburg engagiert.

Im Oktober fand die sogenannte „Awareness Week“ zur Sensibilisierung für die Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz AD(H)S, in Europa statt. In diesem Zusammenhang veröffentliche der europäische Dachverband „ADHD Europe“ unter anderem eine Deklaration, in der eine bessere Betreuung der AD(H)S-Patienten in der sogenannten Transitionsphase gefordert wird, also wenn aus den Teenagern im Alter von 18 Jahren Erwachsene werden. Denn „meist werden die Jugendlichen mit ADHS-Symptomatik dann in Erwachseneneinrichtungen geschickt (…), wo Psychiater, Neurologen und Psychologen nicht über die entsprechende Ausbildung für ADHS im Erwachsenenalter verfügen“, bemängelt in seiner Deklaration das „ADHD Europe“.

Begrenztes Betreuungsangebot

In Luxemburg setzt sich die Vereinigung „Treffpunkt ADHS“ für Menschen mit diesem Krankheitsbild ein. Auch die hiesige Organisation schließt sich der Forderung des Dachverbands nach Konstanz in der Behandlung von AD(H)S-Patienten an. Suzette Everling ist Vizepräsidentin von „Treffpunkt ADHS“. Zur Lage in Luxemburg erklärt sie im Tageblatt-Gespräch, dass es hierzulande zwar ein Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche gebe, aber in begrenztem Umfang. Ab 18 Jahren übernehme die Erwachsenenpsychiatrie bzw. –neurologie die Behandlung.

„Diese sind aber absolut nicht darauf vorbereitet, weder auf die Diagnose, noch auf die Therapie der Störung.“ Des Weiteren kritisiert Everling, dass die „Erwachsenenpsychiater oder –neurologen nicht an der Diagnose interessiert sind. Oft kennen sie ADHS gar nicht oder nicht gut genug, um es zu diagnostizieren und zu behandeln. Dazu gehört einfach viel Erfahrung“.

In solchen Fällen würden die einzelnen Komorbiditäten der Krankheit behandelt, wie beispielsweise Ticks oder eine Depressionsform. „Aber sie sehen nicht, was sich dahinter versteckt“, beschreibt die Vizepräsidentin die Schwierigkeit bei der Behandlung von jungen AD(H)S-Erwachsenen. Diese mangelnde Kenntnis der Krankheit sei ein großes Problem in Luxemburg, so Everling. „Wir versuchen, die Jugendpsychiater und Neurologen zu überzeugen, diese jungen Leute bis 24 Jahre zu behandeln, sodass sie eine Chance auf Kontinuität in ihrer Therapie und Medikation haben“. In diesem Zusammenhang erklärt Suzette Everling, dass die Gesundheitskasse in Luxemburg nur die Kosten für Medikamente erstatte, wenn die Diagnose AD(H)S vor dem 18. Lebensjahr gestellt wurde. Menschen, bei denen AD(H)S danach diagnostiziert wurde, müssten die Kosten selbst tragen.

Hierzu kommt, dass die Arzneimittel teuer sind und von Fall zu Fall variieren können. „Denn jeder Mensch ist anders, und die Reaktion auf die Medikamente kann ebenso unterschiedlich ausfallen. Deshalb muss man für die Behandlung eine Reihe von Präparaten zur Verfügung haben“, fordern die Mitglieder der Initiative. „In Luxemburg haben wir vier Präparate, die bei Kindern und Jugendlichen von der Krankenkasse übernommen werden, und dazu kommen noch zwei andere Medikamente, die die Eltern selbst übernehmen müssen“, sagt Everling. Im Ausland sei das anders. Dort stehe eine größere Auswahl an pharmazeutischen Erzeugnissen zur Verfügung, und es könne fallspezifisch abgestimmt werden.

Und auch die Behörden in Luxemburg nimmt „Treffpunkt ADHS“ in die Pflicht. „Das Gesundheitsministerium hat die Krankheit bisher nicht thematisiert oder etwas darüber veröffentlicht“. Was die Gesundheitskasse betreffe, so übernehme diese nur die Kosten für Medikation bei Kindern und Jugendlichen. Diese Medikamente gehörten zu Gruppe der Betäubungsmittel, wofür ein spezifisches Rezept nötig sei. Bei Erwachsenen gebe es nur die Verschreibung „off-label“, die selbst finanziert werden müsse, beschreibt Suzette Everling.

Die Lage verschärft sich, wenn Jugendliche nach 18 in einen „völlig anderen Behandlungsmodus“ hineingeraten. Hier besteht leider oft keine Möglichkeit einer adäquaten Therapie. Doch genau in dem Abschnitt zwischen 18 und 20 Jahren, „einer kruzialen Zeit“, sei die richtige Therapie enorm wichtig, da der Betroffene noch in der Schule oder schon berufsfähig sei. Finde er sich dadurch in seiner Situation nicht mehr zurecht, riskiere er, die Schule abzubrechen oder den Job zu verlieren, beschreibt Suzette Everling den Ernst der Lage.

Eltern vor vollendeten Tatsachen.

Bei Kindern, die mit bestimmten Medikamenten mit Langzeitwirkung behandelt und dabei gut eingestellt seien, gebe es das Problem, dass genau diese Mittel nicht von der Gesundheitskasse übernommen würden. Die Eltern stünden in diesem Fall vor vollendeten Tatsachen und vor enormen Ausgaben beschreibt die Vizepräsidentin der Initiative. Da AD(H)S genetisch bedingt sei, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass in der Familie mehr als ein Betroffener lebe. „Wenn man in diesem Fall für mehrere Personen Arzneikosten schultern muss, ist das finanziell nicht machbar“, betont Everling. Daher sei der Handlungsbedarf der Politik in diesem Bereich enorm und eine schnelle Reaktion notwendig.

In den letzten Jahren habe die Vereinigung viel im Zusammenhang mit der Betreuung von AD(H)S in Luxemburg viel erreicht. Bei Patienten mit dieser Störung, ob Kinder oder Erwachsene, handelt es sich keinesfalls um Menschen mit verminderter Intelligenz. Wie viele AD(H)S-Betroffene tatsächlich in Luxemburg leben, weiß man nicht. „Treffpunkt ADHS“ sieht einen Grund für fehlende statistische Erfassung der Fälle im mangelnden Interesse der zuständigen Behörden.

In Fachkreisen geht man davon aus, dass rund fünf Prozent der Bevölkerung im Land von der Aufmerksamkeitsdefizitstörung betroffen sind. Auch ist weltweit anerkannt, dass AD(H)S bei mehr als 75 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter weiter besteht.

Weitere Infos www.treffadhs.lu

Was ist AD(H)S?

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (mit oder ohne Hyperaktivität), auch als „Zappelphilipp“- Syndrom bekannt, ist eine neurobiologische Störung, deren Hauptursachen Experten in Veränderungen der Funktionsweise des Gehirns vermuten.

Die AD(H)S-Symptome werden häufig in drei Kategorien eingeteilt: Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen, impulsive Verhaltensweisen und ausgeprägte Unruhe. Meistens tritt die Störung bereits im Kindesalter in Erscheinung, wenn Kinder eine Tagesstätte besuchen und sich externen Regeln anpassen müssen.

(Quelle: Neurologen und Psychiater im Netzt, hrsg. von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz.