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ADS - bei Erwachsenen - von Cordula Neuhaus.

ADS - bei Erwachsenen - von Cordula Neuhaus.


Die 32jährige Patientin klagt über depressive Verstimmung bei seit langem bestehenden, schweren Selbstwertproblemen. Immer wieder habe sie irgendwie auch massiv Angst, ihr Leben nicht zu schaffen, die Partnerbeziehung sei sehr schwierig, sie frage sich, ob sie überhaupt beziehungsfähig sei. Irgendwie habe sie auch immer ein schlechtes Gewissen, habe große Angst, irgendwann einmal ganz allein zu sein, verspüre speziell in der letzten Zeit immer wieder, daß sie mit anderen nicht so gut auskomme.


Die auf Anhieb sympathisch wirkende Frau schildert im Gespräch, daß sie leicht mit jemand anderem Kontakt aufnehmen könne, sich auch rasch für etwas begeistere, viele Ideen habe, aber irgendwie auch rasch die Begeisterung wieder verliere, ihre Pläne einfach nicht richtig umsetzen könne, sich furchtbar leicht getroffen fühle durch Kritik, dazu neige, alles auf sich zu beziehen. Sie sei eigentlich ein sehr gutmütiger Mensch, hilfsbereit, fühle sich aber immer mehr ausgenutzt von anderen. Entscheidungen zu treffen falle ihr schwer. Andererseits sei sie manchmal sehr impulsiv, kaufe spontan etwas, stehe bei einer schriftlich zu erledigenden Arbeit plötzlich auf, weil ihr in den Sinn gekommen sei, jetzt sofort einen Pullover waschen zu müssen. Manchmal sei sie sich richtig unheimlich, da sie auch so vergeßlich sei: sie laufe von einem Raum in den anderen, um etwas zu tun, wisse dann aber nicht mehr, was es gewesen ist, müsse in den anderen Raum zurücklaufen, damit ihr die Sache wieder einfalle. Im Gespräch mit anderen komme sie sich manchmal richtig dumm vor, sie sei überhaupt nicht schlagfertig, könne, plötzlich zu einem Thema befragt, gar nicht richtig antworten, obwohl sie eigentlich schon etwas zu sagen habe, manchmal zweifle sie auch an ihrer Allgemeinbildung, wundere sich, wie sie überhaupt ihren Schulabschluß geschafft habe. Besonders leide sie aber darunter, daß sie sich furchtbar schnell in Befürchtungen und Ängste hineinsteigern könne, wenn eine neue Situation auf sie zukomme. Sie wache dann oft auch nachts auf, ein Gedanke komme zum anderen, bis sie fast panikartige Angst bekomme.


Die Mutter eines hyperaktiven 6jährigen Jungen schildert ihre Ehe als belastet, da sie mit manchen Verhaltensweisen ihres Mannes so schlecht zurechtkomme. Er sei abends bei der Rückkehr von der Arbeit ausgesprochen ungehalten, wenn er die Wohnung nicht in dem aufgeräumten Zustand vorfinde, wie er sie haben wolle. Ihr Mann explodiere leicht aus nichtigen Kleinigkeiten heraus, kritisiere die Kinder oft so hart, daß sie wirklich in Schutz nehmen müsse. Ihr Mann könne plötzlich den Einfall bekommen, daß dringlich in der Garage ein Regal zu bauen sei, erläutere ihr dann ausführlich, warum dies jetzt sofort sein müsse, besorge dann auch Material und fange mit dem Bauen an. Wenn dann aber etwas dazwischen komme, was im Alltagsablauf immer wieder passiere, scheine er aber die Lust zu verlieren. Wenn sie ihn darauf anspreche, daß er das doch fertig machen wolle, äußere er, daß er dazu jetzt keine Zeit oder keine Lust habe, solche Ideen führe er in den seltensten Fällen ganz aus. Er sei sehr empfindlich, wenn man ihn kritisiere, teile seinerseits aber herb aus, manchmal sie ihr richtig "peinlich", wie impulsiv ihr Mann Äußerungen auch in Gesellschaft von sich gebe, die in dem Moment nicht unbedingt angebracht seien. Im unangenehme Schreibarbeiten schiebe er gerne bis zum allerletzten Moment, werde sofort sehr verstimmt, wenn sie versuche, ihn doch dazu zu bewegen, sich zu solchen Erledigungen die Zeit besser einzuteilen. Er wisse selbst, was zu tun sei, wolle nicht bevormundet werden. Manchmal wisse sie gar nicht, wie sie mit ihm umgehen solle.


In der Firma habe er immer wieder mal Schwierigkeiten mit seiner Empfindlichkeit, obwohl er aber, wie auch schon geschildert worden sei, ausgesprochen kompetent und engagiert arbeite. Ihr sein schon aufgefallen, daß ihr Mann immer wieder etwas Neues, Forderndes braucht, gleichförmige und uninteressante Tätigkeiten seien für ihn sehr anstrengend. Er könne auch sehr ungeduldig werden, neige dann auch zu deutlichen Unmutsäußerungen, die nicht immer ein gutes Vorbild für die Kinder seien. Er fahre gern sehr zügig Auto, ihr manchmal zu zügig, weise sie dabei noch auf alles mögliche hin, was links und rechts an der Straße zu sehen ist, könne aber sehr schnell reagieren - sie könne sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er bei höheren Geschwindigkeiten sicherer fahre als z.B. bei Tempo 70.


Besonders schwierig sei ein Auskommen mit ihm, wenn bei einem Vorhaben in der Familie plötzlich etwas dazwischenkomme. Wenn er auf etwas eingestellt sei, dann wolle er hier offensichtlich keinerlei Störungen haben. Auch hier neige er dann zu sehr ungehaltenen und auch oft ungerechten Äußerungen.


Paul Wender beschrieb in seinem Buch "Das hyperaktive Kind" 1991 erstmals in deutscher Sprache den Erwachsenen mit dem hyperkinetischen Syndrom entgegen den bis dahin geltenden Annahmen, die Hyperaktivität verliere sich spätestens in der Pubertät. Das Syndrom "wachse sich aus".


In Amerika widmen sich bereits seit einigen Jahren Ärzte und Psychotherapeuten den Erwachsenen mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität. Der Erwachsene ist zwar in der Regel nach außen hin nicht mehr hyperaktiv im Sinn einer ständig imponierenden motorischen Unruhe, hat jedoch nach wie vor das Problem, ausgesprochen reizoffen zu sein, hypersensibel, impulssteuerungsschwach. Entsprechend seiner individuellen Lerngeschichte und seiner Grundbegabung kann er mehr oder weniger kompensieren. War das ADS-Syndrom in der Kinderzeit nur mäßig stark ausgeprägt, die Umgebung liebevoll, konsequent und einschätzbar, die Intelligenz durchschnittlich bis überdurchschnittlich, kann der Erwachsene unauffällig erscheinen - obwohl er in der Regel mit seiner ausgeprägten Sensibilität, seinem hohen Anspruchsniveau und seiner Stimmungslabilität auch immer wieder zu kämpfen hat. War die Lebensgeschichte eher schwierig, entstand im im Vorschulalter bereits ein Schuldgefühl durch die Reaktion der erziehenden Umgebung auf die impulsiven Handlungen und Äußerungen, im Grundschulalter das Gefühl des Ausgegrenztseins oder des Versagens bei dem Gewahrwerden der Tatsache, mit Gleichaltrigen nicht gut auskommen zu können, in der schriftlichen Umsetzung schlechter zu sein als die anderen, in der Pubertät schlußendlich Verwirrung bei der Feststellung, sich selbst nur schwer einschätzen zu können, die Eigenleistung entweder zu über- oder zu unterschätzen, ist das Erwachsenenalter nicht unbelastet.


Bedingt durch die inzwischen als sicher anzunehmende "Andersartigkeit im Hirnstoffwechsel" (verminderter Glukose-Metabolismus in verschiedenen Hirnregionen, speziell präfrontal und prämotorisch, bei zwingend anzunehmendem Mangel an hemmenden Neurotransmittersubstanzen auf Stammhirnebene) kämpft auch der Erwachsene noch damit, viel zu viel aufzunehmen und sich nicht immer situationsangepaßt einbremsen zu können.


Früher oder später merkt er immer deutlicher, daß er nur dann gut leisten kann, egal in welchem Kontext, wenn er wirklich motiviert ist. Ist er es nicht, weil eine Sache langweilig oder zu schwierig ist, tritt auch bei ihm, wie beim Kind, mentale Ermüdung ein. Entweder ihn begeistert eine Sache oder eine Person, weil neu oder interessant und er kann gut leisten oder er findet etwas nicht fesselnd oder gar uninteressant - dann hat er größte Mühe damit, etwas zu leisten. Ein mittleres Aktivierungsniveau bei nur mäßiggradiger Motivationslage ist ihm nicht möglich.


Kleinste Reize können beim Erwachsenen, ebenso wie beim Kind einen Stimmungsumschwung auslösen, es reicht der Beginn einer Melodie, ein Beleuchtungswechsel, eine Redewendung, etc.


Das Einschätzen von Zeiträumen ist und bleibt schwierig, der Erwachsene neigt dazu, in zu kurze Zeiträume viel zu viel "hineinzupacken", versetzt sich selbst in Hektik, schießt mit dem Erregungsniveau hoch, kann dann nur schlecht leisten. Wie das Kind, hat auch der Erwachsene das Problem, im richtigen Moment den "richtigen" Reiz aus dem großen Reizangebot herauszusuchen, ihn lange genug zu fokussieren und dann wieder im "richtigen" Zeitpunkt wieder loszulassen, um auf einen anderen Reiz mit seiner Aufmerksamkeit überzugehen. Er neigt dazu, von einer Tätigkeit mit den Gedanken abzuschweifen, gleichzeitig auch noch anderes wahrzunehmen, springt mit den Gedanken, assoziiert auf seinem Lern- und Erfahrungshintergrund einen Gedanken an den nächsten, kommt vom Thema ab. Auch er lebt primär ausschließlich im "Hier und Jetzt", er reagiert rasch, denkt oft über die Folgen einer spontanen Reaktion nicht nach. Findet er z.B. einen anderen Menschen sympathisch, teilt er sich offen mit, "blättert sich auf", macht Zusagen - die Auswirkungen und die Tragweite merkt er in der Regel erst später. So ist er spontan sehr hilfsbereit, erfaßt schnell, um was es geht, kann gut improvisieren, kann dann auch bei hoher Motivation und Verstärkung vom Umfeld spontan viel und kreativ leisten, hat aber Schwierigkeiten, sobald es um ein ausdauerndes Tun im nicht so interessanten Zusammenhang geht, wenn die Begeisterung erlischt.


Die Folgen seines Tuns irritieren ihn, er hat häufig das Gefühl des Nichtgenügens, Ziele nicht zu erreichen, völlig unabhängig davon, wieviel er bereits erreicht hat, ist unzufrieden mit sich selbst, irritabel, neigt zu Überbewertung von Kritik und zur Überinterpretation der Aussagen und der Handlungen seiner Mitmenschen.


In einer Phase der Selbstzweifel plötzlich abgelenkt, oder konfrontiert mit einer neuen, interessanten Aufgabe, kann sich die depressive Verstimmtheit rasch auflösen. Viele Erwachsene mit ADS kennen von sich, daß sie ihre Sorgen tatsächlich am Wohn-/Arbeitsort zurücklassen können, wenn sie auf Reisen gehen, sich am anderen Ort in jeder Hinsicht anders fühlen - mit erheblichen Ängsten kurz vor Rückkehr, mit den Alltagssorgen wieder belastet zu sein.


Als "Meister der Selbstsabotage" ist der Erwachsene oft chronisch unentschlossen oder hat Probleme mit etwas, was er bearbeiten sollte, zu beginnen, schiebt ihm Unangenehmes bis zu allerletzten Zeitpunkt auf, neigt dazu, zu Erledigendes auf Haufen zu stapeln (mit der Maßgabe, es dann zu vergessen), ist leicht beeinflußbar, wenn aus seiner Sicht jemand "Kompetentes" etwas sagt, findet es schwierig, sich selbst zu organisieren.


Je bereizter und hektischer sein Umfeld ist, je komplexer die Anforderungen werden, desto schlechter geht es ihm. Er hat ein unbestimmtes Gefühl, doch etwas wert zu sein und etwas zu können, erlebt aber, daß er im Umsetzen nicht annähernd das hinbekommt, was er gern erreichen möchte. Je nach Lerngeschichte, Temperamentslage, Partnerkonstellation, neigt er dann entweder dazu, die Schuld nur sich selbst oder nur den andren zuzuweisen, fühlt sich falsch verstanden, wandert mit den Gedanken in sein eigenes "Traumschloß" ab (wenn ich einmal alles geschafft habe, dann werde ich...). Die Anspannung ist in der Regel hoch, Somatisierungstendenzen, wie Kopfschmerzen, "nervöse" Magen- und Darmbeschwerden, Herzrhytmusstörungen sind nicht selten. Überreizungszustände können der Auslöser sein für Panikattacken, die Neigung beim selbsterlebten Chaos in sich partiell überzukorrigieren kann zwanghaft anmutendes Verhalten oder Pedanterie auslösen, traumatisch erlebte Kränkungen des eigenen Selbst erhebliche depressive Verstimmungen (die Amerikanerin Katleen Nadeau beschreibt ausführlich die sogenannten "Comorbiditäten" beim ADS-Syndrom).


Wie dem Kind, kann auch dem Erwachsenen medikamentös mit Stimulantien-Präparaten geholfen werden; die Forschungsergebnisse zeigen, daß der Erwachsene in der Regel niedrigere Dosierungen braucht als das Kind. Ist der Erwachsene "Responder" erlebt er das Gefühl, in sich harmonischer zu sein, sich besser organisieren zu können - Strategien hierfür muß er aber auch erst lernen. Es tut ihm gut, wenn er einen sogenannten "Coach" findet, eine Person, die ihm signalisiert, ihn zu mögen, die ihn aufmuntert, ehrlich aber auch spiegelt, was er gerade tut. Er muß lernen, seinen Alltagsablauf strukturell zu planen, muß lernen, Selbstgespräche zu führen, wenn er an eine schwierige Aufgabe herangehen soll, er muß sich Zeitpunkte setzen, an denen mit einer Sache begonnen werden soll, Aufgabenlisten anlegen mit Abstrichen der jeweils durchgeführten Tätigkeit.


Hilfreich ist es für ihn speziell, andere mit der gleichen Problematik zu finden. Es ist entlastend festzustellen, daß man nicht nur selbst ein funktionierender "Nichfunktionierer" ist, sondern daß es auch noch andere davon gibt.


Von den anderen ist er gewillter, Bewältigungsstrategien anzunehmen als vom eigenen Lebenspartner. Das allerwichtigste ist allerdings die Erkenntnis, daß er nicht "dumm, faul oder verrückt" ist oder in irgendeiner Form psychiatrisch krank, sondern einen Wahrnehmungsstil hat, der einfach etwas anders ist und es einem schwierig macht, in einer Welt leben zu müssen mit der Auffassung, daß man möglichst früh für sich selbst verantwortlich sein muß und im Leistungs- wie auch im sozialen Kontext zu funktionieren hat. Es ist entlastend zu erkennen, daß es nicht primär ein Fertigkeitenproblem ist, sondern ein Steuerungsproblem, das erst angegangen werden kann, wenn man persönlich die Hintergründe kennt. Mit steigendem Selbstwertgefühl erhöht sich die Motivation, sich selbst zu organisieren, entsprechend verbessert sich die situationsangepaßte Selbstdarstellung.


Leider ist das Phänomen im Erwachsenenalter in Deutschland noch sehr wenig bekannt, es bleibt zu hoffen, daß sich in der nächsten Zeit zunehmend Gruppen bilden, sich zunehmend Fachleute für die Problematik auch beim Erwachsenen interessieren, der nicht selten durch seine mangelnde Steuerungsfähigkeit schwerst belastet ist.


Die Erfahrung der Berichtenden zeigt, daß die Diagnose an sich der allerwichtigste Schritt ist, das "sich selbst erklären Können" drastisch entlastend wirken kann, speziell wenn bereits mit verschiedenen ansetzenden Psychotherapien Anstrengungen ohne nennenswerten Erfolg unternommen wurden, Medikation mit Psychopharmaka ebenfalls ohne nennenswerten Erfolg, nach Versuchen der Selbstmedikation (überwiegend Alkohol), schwierigen, selbstbewältigten Lebensläufen mit häufigen Beziehungsabbrüchen, etc.


Die eigene Erfahrung in der Behandlung des ADS-Erwachsenen zeigt, daß ein wirklich stabilisierender Faktor bei der Bewältigung der Probleme die Gruppe ist - die Begeisterung für medikamentöse Behandlung nimmt durch von Dritten beobachteten Erfolg rasch ab, weil sich nicht alle Probleme damit lösen, die Begeisterung für verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Psychotherapie ebenfalls, spätestens, wenn sich nicht sofort die erwünschten Erfolge einstellen ... (eben typisch ADS) - das Beobachten des Auf- und Ab bei "Leidensgenossen" wirkt motivierend und ermunternd, doch weiterzuarbeiten und durchzuhalten.


Cordula Neuhaus,