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Ärzte finden genetische Ursache für Hyperaktivität.

SPIEGEL.DE

30.09.2010

ADHS

Ärzte finden genetische Ursache für Hyperaktivität.

Erstmals haben Forscher direkte Hinweise auf eine genetische Ursache für ADHS gefunden. Eine Studie stellte bei Kindern mit der psychischen Störung deutliche Unterschiede im Erbgut fest. Andere Wissenschaftler warnen jedoch davor, den alleingen Grund in den Genen zu vermuten.

Viele Forscher vermuten es schon länger. Nun haben britische Wissenschaftler erstmals einen direkten Beweis dafür erbracht, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern zumindest zum Teil genetisch bedingt ist. Wie ein Forscherteam um Anita Thapar im Medizinjournal "The Lancet"  berichtet, weist das Erbgut von Kindern mit der psychischen Störung gegenüber solchen, die nicht darunter leiden, deutliche Unterschiede auf.

Die Wissenschaftler nutzten dabei eine Methode, die in den vergangenen Jahren immer mehr in Mode gekommen ist: Sie nennt sich GWAS - genome-wide association study - und ist mehr oder weniger eine Kombination aus epidemiologischen Studien und Genomanalysen. Dabei untersuchen die Forscher sogenannte Punktmutationen, das heißt, einzelne veränderte Bausteine der DNA, die ungleich verteilt im menschlichen Genom auftreten und von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.

Für die ADHS-Studie verglichen die Wissenschaftler das Erbgut von 366 Kindern mit der psychischen Störung mit dem von 1047 Kindern ohne ADHS. Bei hyperaktiven Kindern liegen demnach bestimmte Abschnitte der DNA, sogenannte Genkopiezahlvarianten (CNV), entweder in doppelter Ausführung vor oder fehlen. CNV wurden bereits mit Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie in Verbindung gebracht.

"Wir haben bereits seit einigen Jahres gewusst, dass ADHS wohl genetisch bedingt sein muss, weil es in betroffenen Familien immer wieder vorkommt", sagte Anita Thapar, Professorin für neuropsychiatrische Genetik in Cardiff. "Wirklich spannend ist, dass wir erstmals die genetische Verbindung gefunden haben."

Hyperaktive Kinder würden wegen ihres Verhaltens oft stigmatisiert, nicht selten werde dies auf angebliche schlechte Erziehung durch die Eltern zurückgeführt. "Die Entdeckung dieses direkten genetischen Zusammenhangs dürfte dieses Missverständnis ausräumen", sagte Thapar. Die Forscher machten allerdings deutlich, dass noch viel Arbeit bevorstehe, ehe die psychische Störung vollständig verstanden werden könne.

Andere Experten, wie etwa Christian Rauschenfels, Familientherapeut von der Sinn-Stiftung München halten jedoch dagegen. "Die Vorstellung, die Probleme der Kinder seien genetisch bedingt, ist für viele Eltern eine enorme Entlastung", sagte er vor kurzem im SPIEGEL. Wer die Umwelt ausblende, müsse sich nicht vorwerfen lassen, die Erziehung sei schuld am Schulversagen und an den sozialen Problemen des Kindes.

Studienmethode mit Grenzen

Und es gibt auch immer mehr Kritik an dem Studienverfahren, das die britischen Forscher verwendeten: Zwar finden die Forscher mit GWAS Genvarianten, die irgendwie mit einer bestimmten Erkrankung in Zusammenhang stehen - seriöse Vorhersagen über das Erkrankungsrisiko ließen sich indes aber nicht treffen, schrieb kürzlich der Populationsgenetiker David Goldstein im "New England Journal of Medicine".

ADHS ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Bisher gibt es keine eindeutige Erklärung dafür. Die Hauptursache wird in der Veränderungen der Funktionsweise des Gehirns vermutet. Wissenschaftler gehen davon aus, dass neben genetischen Faktoren zum Beispiel auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen.

Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland schwankt in Studien zwischen zwei und etwa sechs Prozent. Schätzungen zufolge sind rund 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen, Jungen dabei drei- bis viermal so häufig wie Mädchen.

Die Verschreibung von Medikamenten für Kinder mit dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom ist in Deutschland in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten DAK-Studie verschreiben die Ärzte aber offensichtlich zunehmend weniger ADHS-Medikamente wie Ritalin  und Strattera an Grundschüler. Die Zahl der Rezepte für Sechs- bis Neunjährige sei zwischen 2007 und 2009 um ein Viertel (24 Prozent) gesunken, teilte die Krankenkasse in Hamburg mit.

Im Zusammenhang mit ADHS-Medikamenten werden immer wieder Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Wachstumsstörungen und Herz-Kreislauf-Beschwerden genannt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen hatte deshalb vor kurzem die Verordnung von ADHS-Medikamenten wie Ritalin eingeschränkt.

Die Diagnose muss künftig noch umfassender als bisher gestellt werden und darf in der Regel nur noch von Spezialisten erfolgen. Zudem soll die Therapie regelmäßig unterbrochen werden, um Auswirkungen auf das Befinden des Kindes zu beurteilen.

cib/AFP